marc mer

übergreifende gestaltung und raumbildende kunst

im sinne der angewandten künste ist architektur die kunst, die raum bildet. die angewandte kunst architektur ist raumbildende kunst. um raum zu bilden, wirken in ihr die verschiedensten komponenten, phänomene und qualitäten zusammen. dies begründet und erklärt die ihrer gestalterischen reichweite fehlende grenze. als raumbildende kunst ist architektur in ihrer gestalterischen dimension übergreifend und umfassend. in raumbildender kunst steckt das fass, das drinnen und draussen rundum fasst.

 

"welche linie scheidet das drinnen vom draussen, das rattern der räder vom geheul der wölfe?" fragt der italienische schriftsteller italo calvino. "eine solche linie gibt es nicht!" ist darauf zu antworten. aber selbstverständlich hat calvino nach der linie auch gar nicht gefragt. es geht ihm um die form, ganz zu anfang noch um die form als simple beziehung, dann aber vielmehr um die form als komplexes beziehungsgeflecht.

 

raumbildende kunst handelt von verhältnissen und verhaltensformen. für den tschechisch-brasilianischen philosophen und medientheoretiker vilém flusser "ist die welt nicht, wie die sachen auseinander entstehen und wieder vergehen (geschichte), sondern wie sich die sachen zueinander verhalten (formen)." jedes erscheinungsbild von wirklichkeit ist folglich eine formfrage. da verhältnisse und verhaltensformen zwischen verschiedenem es bestimmen, zeigt sich in ihm ein interdisziplinäres und multimediales profil. seine form ist komplex. seine form ist sinnlich komplex. gerade in solcher dimension aber übertrifft die form von raum jede andere form von wirklichkeit, die sie zum teil ihrerselbst macht.

 

es geschieht dieser sinnlich komplexen form von raum wegen, dass raumbildende kunst in ihrem profil nicht anders als interdisziplinär und multimedial sein kann. nur so vermag sie jener zu entsprechen. und zugleich kommt sie ihrer übergreifenden gestalterischen verpflichtung nach: steht mit gesellschaft und umwelt in regem austausch, hält kontakt mit den ihr benachbarten "freieren" künsten, tritt mit aktuellen philosophischen denkmodellen in dialog, reagiert auf gesellschaftspolitische veränderungen. denn nichts konnte vilém flusser mehr verärgern als gestalter, die ihre gesamtverantwortung nicht sehen.

 

ihre verpflichtung zu künstlerischer dimensionierung beim raumbilden und raumbedeuten ergibt sich für die architektur gleichsam "von haus aus". schon 1908 sagt der wiener architekt und theoretiker adolf loos so unnachahmlich polemisch wie treffsicher: "das kunstwerk ist eine privatangelegenheit des künstlers. das haus ist es nicht." kunstwerke verschwinden in die wohnzimmer der häuser und in die sammlungen der museen. häuser dagegen verschwinden nicht. weder von den straßen, noch von den plätzen. es sei denn, sie werden abgebrochen. doch dann entstehen an derselben stelle schnell neue, noch größere und länger haltbar als ihre vorgänger. und ebendeshalb gilt für die architektur eine künstlerische verpflichtung, die nach loos über diejenige des kunstwerks weit hinausgeht: "das kunstwerk ist niemandem verantwortlich, das haus einem jeden."

 

© Beim Autor | Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist urheber- und verwertungsrechtlich geschützt. Seine Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

 

Marc Mer

1961 in Innsbruck geboren.

 

Multimedial und transdisziplinär arbeitender Künstler und Wissenschaftler.

 

Konzeptuell-minimalistische Raum-, Ding-, Bild- und Wortwerke von oft dadaistisch-philosophischer Prägung. Plastisch-performative Raum- und Stadtrauminstallationen. Interventionen im Straßenraum durch Verkehrsschilder mit literarischen Zitaten. Szenische Textcollagen und Poem-Performances. Kunst-, architektur- und medientheoretische Schriften.

 

Kurator internationaler Ausstellungen (SPACE AFFAIRS | RAUMAFFÄREN | AFFAIRES D’ESPACE, MUSA, Wien 2012). Leitung internationaler Workshops (SPACEPERFORMER, Architekturbiennale Venedig, 2008; private public – public private, Bauhaus Dessau, 2000). Begründer des Begriffs der Literarischen Stadtrauminstallation (1999).

 

OPPC – Office for PostParadise Communication | Büro für Intermedialität der Künste und Interaktion von Kunst und Wissenschaft (seit 2001). Professor für Übergreifende Gestaltung, Raumbildende Kunst und Philosophie des Raumes an der MSA – Münster School of Architecture (seit 2000).

 

Ausstellungen und Aufführungen international (Auswahl): MUSA, Wien (2014); Architekturbiennale Venedig (2010); P.S.1 / MoMA, New York (2007); Oskar-Kokoschka-Galerie, Prag (2002); Museum Ludwig, Köln (1999); Bonner Kunstverein (1997); Biennale für Architektur und Medien, Graz (1995); Palais Wittgenstein, Wien (1992).

 

Literarische Stadtrauminstallationen (Auswahl):

come to be [sightseeing talks], Kassel 2000 (Museum für werdende Kunst und Kulturbahnhof); local talks [ortsgespräche], Köln 1999 (Museum für angewandte Kunst und Literaturhaus).

 

Bücher (Auswahl):

ein nie. itektur – alphabetische blätter (2015); SPACE IS A WALKER (2012); hund und schnur nur oder das architektonische i (2009); das geheime liebesleben des dali ernst musil wittgenstein / !merry go(es) round – architecture stand(s) by! (2002); BOX-SEX. Installation und Instanz. Stellungen im Stall (2000); TRANSLOKATION. Der ver-rückte Ort. Kunst zwischen Architektur (1994/1995).

 

 

Bildquelle und Hinweis. Portrait: Marc Mer mit Raumwolle, Köln 2007. Foto: Lothar Schnepf | © VG Bild-Kunst, Bonn. Dieses Bild ist urheber- und verwertungsrechtlich geschützt. Seine Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Porträtierten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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übergreifende gestaltung und raumbildende kunst

im sinne der angewandten künste ist architektur die kunst, die raum bildet. die angewandte kunst architektur ist raumbildende kunst. um raum zu bilden, wirken in ihr die verschiedensten komponenten, phänomene und qualitäten zusammen. dies begründet und erklärt die ihrer gestalterischen reichweite fehlende grenze. als raumbildende kunst ist architektur in ihrer gestalterischen dimension übergreifend und umfassend. in raumbildender kunst steckt das fass, das drinnen und draussen rundum fasst.

 

"welche linie scheidet das drinnen vom draussen, das rattern der räder vom geheul der wölfe?" fragt der italienische schriftsteller italo calvino. "eine solche linie gibt es nicht!" ist darauf zu antworten. aber selbstverständlich hat calvino nach der linie auch gar nicht gefragt. es geht ihm um die form, ganz zu anfang noch um die form als simple beziehung, dann aber vielmehr um die form als komplexes beziehungsgeflecht.

 

raumbildende kunst handelt von verhältnissen und verhaltensformen. für den tschechisch-brasilianischen philosophen und medientheoretiker vilém flusser "ist die welt nicht, wie die sachen auseinander entstehen und wieder vergehen (geschichte), sondern wie sich die sachen zueinander verhalten (formen)." jedes erscheinungsbild von wirklichkeit ist folglich eine formfrage. da verhältnisse und verhaltensformen zwischen verschiedenem es bestimmen, zeigt sich in ihm ein interdisziplinäres und multimediales profil. seine form ist komplex. seine form ist sinnlich komplex. gerade in solcher dimension aber übertrifft die form von raum jede andere form von wirklichkeit, die sie zum teil ihrerselbst macht.

 

es geschieht dieser sinnlich komplexen form von raum wegen, dass raumbildende kunst in ihrem profil nicht anders als interdisziplinär und multimedial sein kann. nur so vermag sie jener zu entsprechen. und zugleich kommt sie ihrer übergreifenden gestalterischen verpflichtung nach: steht mit gesellschaft und umwelt in regem austausch, hält kontakt mit den ihr benachbarten "freieren" künsten, tritt mit aktuellen philosophischen denkmodellen in dialog, reagiert auf gesellschaftspolitische veränderungen. denn nichts konnte vilém flusser mehr verärgern als gestalter, die ihre gesamtverantwortung nicht sehen.

 

ihre verpflichtung zu künstlerischer dimensionierung beim raumbilden und raumbedeuten ergibt sich für die architektur gleichsam "von haus aus". schon 1908 sagt der wiener architekt und theoretiker adolf loos so unnachahmlich polemisch wie treffsicher: "das kunstwerk ist eine privatangelegenheit des künstlers. das haus ist es nicht." kunstwerke verschwinden in die wohnzimmer der häuser und in die sammlungen der museen. häuser dagegen verschwinden nicht. weder von den straßen, noch von den plätzen. es sei denn, sie werden abgebrochen. doch dann entstehen an derselben stelle schnell neue, noch größere und länger haltbar als ihre vorgänger. und ebendeshalb gilt für die architektur eine künstlerische verpflichtung, die nach loos über diejenige des kunstwerks weit

 

© Beim Autor | Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist urheber- und verwertungsrechtlich geschützt. Seine Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

 

Marc Mer

1961 in Innsbruck geboren.

 

Multimedial und transdisziplinär arbeitender Künstler und Wissenschaftler.

 

Konzeptuell-minimalistische Raum-, Ding-, Bild- und Wortwerke von oft dadaistisch-philosophischer Prägung. Plastisch-performative Raum- und Stadtrauminstallationen. Interventionen im Straßenraum durch Verkehrsschilder mit literarischen Zitaten. Szenische Textcollagen und Poem-Performances. Kunst-, architektur- und medientheoretische Schriften.

 

Kurator internationaler Ausstellungen (SPACE AFFAIRS | RAUMAFFÄREN | AFFAIRES D’ESPACE, MUSA, Wien 2012). Leitung internationaler Workshops (SPACEPERFORMER, Architekturbiennale Venedig, 2008; private public – public private, Bauhaus Dessau, 2000). Begründer des Begriffs der Literarischen Stadtrauminstallation (1999).

 

OPPC – Office for PostParadise Communication | Büro für Intermedialität der Künste und Interaktion von Kunst und Wissenschaft (seit 2001). Professor für Übergreifende Gestaltung, Raumbildende Kunst und Philosophie des Raumes an der MSA – Münster School of Architecture (seit 2000).

 

Ausstellungen und Aufführungen international (Auswahl): MUSA, Wien (2014); Architekturbiennale Venedig (2010); P.S.1 / MoMA, New York (2007); Oskar-Kokoschka-Galerie, Prag (2002); Museum Ludwig, Köln (1999); Bonner Kunstverein (1997); Biennale für Architektur und Medien, Graz (1995); Palais Wittgenstein, Wien (1992).

 

Literarische Stadtrauminstallationen (Auswahl):

come to be [sightseeing talks], Kassel 2000 (Museum für werdende Kunst und Kulturbahnhof); local talks [ortsgespräche], Köln 1999 (Museum für angewandte Kunst und Literaturhaus).

 

Bücher (Auswahl):

ein nie. itektur – alphabetische blätter (2015); SPACE IS A WALKER (2012); hund und schnur nur oder das architektonische i (2009); das geheime liebesleben des dali ernst musil wittgenstein / !merry go(es) round – architecture stand(s) by! (2002); BOX-SEX. Installation und Instanz. Stellungen im Stall (2000); TRANSLOKATION. Der ver-rückte Ort. Kunst zwischen Architektur (1994/1995).

 

Bildquelle und Hinweis. Portrait: Marc Mer mit Raumwolle, Köln 2007. Foto: Lothar Schnepf | © VG Bild-Kunst, Bonn. Dieses Bild ist urheber- und verwertungsrechtlich geschützt. Seine Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Porträtierten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

marc mer

übergreifende gestaltung und raumbildende kunst

im sinne der angewandten künste ist architektur die kunst, die raum bildet. die angewandte kunst architektur ist raumbildende kunst. um raum zu bilden, wirken in ihr die verschiedensten komponenten, phänomene und qualitäten zusammen. dies begründet und erklärt die ihrer gestalterischen reichweite fehlende grenze. als raumbildende kunst ist architektur in ihrer gestalterischen dimension übergreifend und umfassend. in raumbildender kunst steckt das fass, das drinnen und draussen rundum fasst.

 

"welche linie scheidet das drinnen vom draussen, das rattern der räder vom geheul der wölfe?" fragt der italienische schriftsteller italo calvino. "eine solche linie gibt es nicht!" ist darauf zu antworten. aber selbstverständlich hat calvino nach der linie auch gar nicht gefragt. es geht ihm um die form, ganz zu anfang noch um die form als simple beziehung, dann aber vielmehr um die form als komplexes beziehungsgeflecht.

 

raumbildende kunst handelt von verhältnissen und verhaltensformen. für den tschechisch-brasilianischen philosophen und medientheoretiker vilém flusser "ist die welt nicht, wie die sachen auseinander entstehen und wieder vergehen (geschichte), sondern wie sich die sachen zueinander verhalten (formen)." jedes erscheinungsbild von wirklichkeit ist folglich eine formfrage. da verhältnisse und verhaltensformen zwischen verschiedenem es bestimmen, zeigt sich in ihm ein interdisziplinäres und multimediales profil. seine form ist komplex. seine form ist sinnlich komplex. gerade in solcher dimension aber übertrifft die form von raum jede andere form von wirklichkeit, die sie zum teil ihrerselbst macht.

 

es geschieht dieser sinnlich komplexen form von raum wegen, dass raumbildende kunst in ihrem profil nicht anders als interdisziplinär und multimedial sein kann. nur so vermag sie jener zu entsprechen. und zugleich kommt sie ihrer übergreifenden gestalterischen verpflichtung nach: steht mit gesellschaft und umwelt in regem austausch, hält kontakt mit den ihr benachbarten "freieren" künsten, tritt mit aktuellen philosophischen denkmodellen in dialog, reagiert auf gesellschaftspolitische veränderungen. denn nichts konnte vilém flusser mehr verärgern als gestalter, die ihre gesamtverantwortung nicht sehen.

 

ihre verpflichtung zu künstlerischer dimensionierung beim raumbilden und raumbedeuten ergibt sich für die architektur gleichsam "von haus aus". schon 1908 sagt der wiener architekt und theoretiker adolf loos so unnachahmlich polemisch wie treffsicher: "das kunstwerk ist eine privatangelegenheit des künstlers. das haus ist es nicht." kunstwerke verschwinden in die wohnzimmer der häuser und in die sammlungen der museen. häuser dagegen verschwinden nicht. weder von den straßen, noch von den plätzen. es sei denn, sie werden abgebrochen. doch dann entstehen an derselben stelle schnell neue, noch größere und länger haltbar als ihre vorgänger. und ebendeshalb gilt für die architektur eine künstlerische verpflichtung, die nach loos über diejenige des kunstwerks weit hinausgeht: "das kunstwerk ist niemandem verantwortlich, das haus einem jeden."

 

© Beim Autor | Alle Rechte vorbehalten. Dieser Text ist urheber- und verwertungsrechtlich geschützt. Seine Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

 

Marc Mer

1961 in Innsbruck geboren.

 

Multimedial und transdisziplinär arbeitender Künstler und Wissenschaftler.

 

Konzeptuell-minimalistische Raum-, Ding-, Bild- und Wortwerke von oft dadaistisch-philosophischer Prägung. Plastisch-performative Raum- und Stadtrauminstallationen. Interventionen im Straßenraum durch Verkehrsschilder mit literarischen Zitaten. Szenische Textcollagen und Poem-Performances. Kunst-, architektur- und medientheoretische Schriften.

 

Kurator internationaler Ausstellungen (SPACE AFFAIRS | RAUMAFFÄREN | AFFAIRES D’ESPACE, MUSA, Wien 2012). Leitung internationaler Workshops (SPACEPERFORMER, Architekturbiennale Venedig, 2008; private public – public private, Bauhaus Dessau, 2000). Begründer des Begriffs der Literarischen Stadtrauminstallation (1999).

 

OPPC – Office for PostParadise Communication | Büro für Intermedialität der Künste und Interaktion von Kunst und Wissenschaft (seit 2001). Professor für Übergreifende Gestaltung, Raumbildende Kunst und Philosophie des Raumes an der MSA – Münster School of Architecture (seit 2000).

 

Ausstellungen und Aufführungen international (Auswahl): MUSA, Wien (2014); Architekturbiennale Venedig (2010); P.S.1 / MoMA, New York (2007); Oskar-Kokoschka-Galerie, Prag (2002); Museum Ludwig, Köln (1999); Bonner Kunstverein (1997); Biennale für Architektur und Medien, Graz (1995); Palais Wittgenstein, Wien (1992).

 

Literarische Stadtrauminstallationen (Auswahl):

come to be [sightseeing talks], Kassel 2000 (Museum für werdende Kunst und Kulturbahnhof); local talks [ortsgespräche], Köln 1999 (Museum für angewandte Kunst und Literaturhaus).

 

Bücher (Auswahl):

ein nie. itektur – alphabetische blätter (2015); SPACE IS A WALKER (2012); hund und schnur nur oder das architektonische i (2009); das geheime liebesleben des dali ernst musil wittgenstein / !merry go(es) round – architecture stand(s) by! (2002); BOX-SEX. Installation und Instanz. Stellungen im Stall (2000); TRANSLOKATION. Der ver-rückte Ort. Kunst zwischen Architektur (1994/1995).

 

Bildquelle und Hinweis. Portrait: Marc Mer mit Raumwolle, Köln 2007. Foto: Lothar Schnepf | © VG Bild-Kunst, Bonn. Dieses Bild ist urheber- und verwertungsrechtlich geschützt. Seine Veröffentlichung hier erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Porträtierten.